Aldubáran

Mit nicht einmal 50.000 Einwohnern zählen die Färöer zu den kleinsten eigenständigen Sprachgruppen Europas, nichtsdestotrotz hat sich besonders in den letzten Jahrzehnten auf diesen 18 (bewohnten) Inseln im Nordatlantik ein eigenständiges und faszinierendes Musikleben entwickelt. Einprägsame Beispiele daraus waren am 28. November am Arnold Schönberg Center zu hören, im ersten Konzert einer Reihe, die der Österreichische Komponistenbund zusammen mit mehreren Partnern (Arnold Schönberg Center, Musik im Museum Salzburg und INÖK) geplant und durchgeführt hat.

Interpretiert von Mitgliedern des 1995 ins Leben gerufenen färöischen Kammerensembles Aldubáran, dessen Anliegen es ist, nicht nur die vielfältige Musik färöischer Komponistinnen und Komponisten national wie international vorzustellen, sondern auch die wichtigsten Werke des modernen Ensemble-Repertoires in exemplarischen Aufführungen zum Erklingen zu bringen, standen neben Arnold Schönbergs (1874-1951) schwierig zu hörender (und auch vorzutragender) Phantasy for Violin with Piano Accompaniment op. 47 ausgewählte Kostproben neuer färöischer Kunstmusik auf dem Programm.

Kári Bæks (*1950) String Quartet no. 1 überraschte – auch – durch seine Kürze, ein Konglomerat aus unterschiedlichen Ideen durchzieht diesen an ähnliche Werke Schostakowitschs gemahnenden ironischen Walzer; ein im ersten Moment anklingender Bezug zu Wien erweist sich als ‚falsche Fährte‘. Bemerkenswert der Schluss des Werkes: Es endet abrupt mit einem überraschenden Pizzicato, und thematisiert damit laut Aussage des Komponisten in der Art von platzenden Seifenblasen den Zustand unserer heutigen Welt.

Danach interpretierte Angelika Nielsen, seit kurzem ständige Bratschistin von Aldubáran, sehr überzeugend die Komposition Tístram für Viola solo von Kristian Blak (*1947), der in diesem Stück als literarischen Ausgangspunkt den bekannten Tristan-Stoff (allerdings in der auf den Färöer-Inseln seit dem Mittelalter tradierten Version) wählte. Dieses gestische Werk, einmal elegisch – gesanglich, dann wieder ekstatisch – ausbrechend, spiegelt deutlich den vielseitigen musikalischen Hintergrund seines Urhebers wider, der in vielen unterschiedlichen Genres musikalisch aktiv ist. Gegen Ende intensiviert sich das musikalische Geschehen mehr und mehr, auch unter Einbeziehung von Geräuschen, die sich durch die von der Interpretin während des Spielens auszuführenden Tanzschritte des traditionellen färöischen Kettentanzes ergeben.

Mit einer stimmigen Rede von Präsident Klaus Ager folgte im Anschluss die feierliche Überreichung der Urkunde zur Ehrenmitgliedschaft im Österreichischen Komponistenbund an Lothar Knessl. Knessl, seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Exponenten der österreichischen zeitgenössischen Musikszene, bedankte sich dafür mit einigen launigen Sätzen, in denen er auch immer wieder auf die Wichtigkeit der Zusammenarbeit aller einschlägig tätigen Institutionen und Initiativen hinwies. Lang anhaltender Applaus unterstrich die Wichtigkeit dieser Verleihung und die Bedeutung des Geehrten.

Das Konzert wurde mit einer Komposition des vielleicht international bekanntesten färöischen Komponisten fortgesetzt, mit der Sonata for Violin and Piano von Sunleif Rasmussen (*1961), Träger des Musikpreises des Nordischen Rates des Jahres 2002 und Komponist der überhaupt ersten färingischen Oper Í Óðamansgarði (Im Garten des Verrückten, UA 2006 in Tórshavn, der Hauptstadt der Färöer-Inseln). Øssur Bæk, Violine, und Jóhannes Andreasen, Klavier, interpretierten das schwierige, immer wieder motorisch angelegte Werk überzeugend und ermöglichten seinem Komponisten damit einen schönen Erfolg. Ein Schüler Rasmussens ist der erst 35jährige Tróndur Bogason, dessen Komposition Disco for two Violins, vorgestellt von Sámal Petersen und Øssur Bæk, ein bisher in dieser Ausprägung an diesem Abend nicht gehörtes, sehr modernes Klangbild zeigte. Geprägt von einem suchenden, expressiven, eher langsamen Gestus bringt dieses einsätzige Werk erst ganz zum Schluss eine intensive Stretta-artige Steigerung, wir hörten eine sehr überzeugende Interpretation eines intensiv in Erinnerung bleibenden Klanggemäldes.

Zum Abschluss erklang Atli K. Petersens (*1963) String Quartet no. 2, das ebenfalls ein besonderes Klangbild vorstellt, jedoch ein wenig mehr an Zusammenklänge erinnert, die auch die Schönberg-Schule in der vordodekaphonen Zeit verwendete. Das dunkel getönte, ruhige, erst langsam in Bewegung kommende Werk ist im Schlussteil von afrikanischen Einflüssen geprägt, ein rhythmisch-aggressives Gespinst unterschiedlicher Dichte und Intensität entwickelt sich und endet in einer ausgedehnten Stretta. Fulminant dargeboten vom Streichquartett des Ensembles Aldubáran (Sámal Petersen, Øssur Bæk, Angelika Nielsen und Andreas Restorff) setzte dieses Werk einen beeindruckenden Schlusspunkt unter einen bemerkenswerten, sehr gut besuchten, im wahrsten Sinne des Wortes ‚grenzüberschreitenden‘ Konzertabend!

Wiederholungen dieses Konzertes mit leicht angepassten Programmabfolgen fanden im Salzburger Barockmuseum im Rahmen der Konzertreihe Musik im Museum (1. Dezember) und am 3. Dezember in Krems statt. In Salzburg standen nur Werke der färöischen Urheber auf dem Programm, neben den schon erwähnten Werken von Petersen, Blak, Bogason, Rasmussen und Bæk weiters die Exchanges for Piano solo von Tróndur Bogason und Afturundirgerð für Solo-Violine von Kári Bæk. Dessen relativ lange, einsätzige Komposition, deren Titel im Deutschen am besten mit „Gegenströmung“ übersetzt werden kann und damit unter anderem die turbulenten Bewegungen des Wassers im Nordatlantik thematisiert, ist charakterisiert durch expressive, aber dennoch ruhige Linien und markante Motive, die alsbald zu bewegteren Abschnitten überleiten, die aber immer wieder durch neuerliche Beruhigung gleichsam gestört werden. Übrig bleibt schluss-endlich ein con sordino zu spielender, fragender, immer leiser und bewegungsloser werdender letzter Abschnitt, der jedoch keine Lösung bringt. In seiner von Jóhannes Andreasen vorzüglich ge-spielten Komposition Exchanges for Piano solo ließ Tróndur Bogason neuerlich aufhorchen: Experimentelle Klavierbehandlung, also das Spielen nicht nur auf den Tasten, sondern in vielfältiger Weise auch im Korpus und auf den Klavier-saiten, war Grundlage dieses besonders zu Beginn sehr rhythmischen Stückes – in seinem Titel Exchanges ist auch bereits die Entwicklung angedeutet, sie führt von schnellen, lauten, rhythmisch prägnanten Abschnitten in sehr tiefer Lage, die mit der Zeit immer öfter von leisen Akkordballungen im Diskant kontrapunktiert werden, zu eben diesen ruhigen, gleichsam statischen Klang-flächen in der höchsten Lage des Instruments. Schade, dass viel zu wenige Interessierte den Weg zu dieser einzigartigen Veranstaltung fanden.

Im Konzert im Haus der Musik in Krems schließlich, das von der Initiative NÖ KomponistInnen verantwortet wurde, erklangen – neben den schon erwähnten färöischen Kompositionen – wieder zwei Stücke österreichischer Urheber: Neuerlich Arnold Schönbergs Phantasy und die beständig über Zentraltöne gearbeitenden Deux Mouvements für Violine, Violoncello und Klavier des langjährigen Vorsitzenden der INÖK, Werner Schulze (*1952), den eine besonders intensive Beziehung zum färöischen Musikleben auszeichnet.

Unmittelbar vor dem Konzert gab Jóhannes Andreasen, der Pianist des Ensembles, in einem beeindruckenden Vortrag noch einen äußerst hörenswerten Einblick in das vielfältige Musikleben der Färöer-Inseln und er stellte die wichtigsten zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten in Wort, Bild und Ton vor. Leider war dieser Vortrag, wie auch das daran anschließende Konzert, wieder nicht gut besucht – dass ein solches einmaliges Angebot außerhalb Wiens nicht auf die ihm gebührende Resonanz stieß, bleibt wohl der kleine Wermutstropfen dieses Projekts.

Nichtsdestotrotz waren alle drei Konzerte für sämtliche Beteiligten ein Erfolg, Ideen zu Gegen-Konzerten im hohen Norden mit Musik österreichischer UrheberInnen sind bereits in Planung!

 Hannes Heher

Share

Schreibe einen Kommentar