Bericht: LAUSCHERGREIFEND live! #16 – Die Tribüne der KomponistInnen

Veranstaltungsreihe des ÖKB in Kooperation mit dem ensemble xx. jahrhundert, 3raum-anatomietheater (19.3.)

Zum 16. Mal wurde am 19. März im 3raum-anatomietheater Neue Musik im Rahmen derKonzertreihe Lauschergreifend live! präsentiert. Ursula Strubinsky (Ö1) führte kompetent durch diesen vom Österreichischen Komponistenbund und dem ensemble xx. jahrhundert organisierten Abend und stellte gemeinsam mit den Komponisten Se-Lien Chuang und Christian Ofenbauer deren Werke „the giants causeway – the days fly“ und „Kommt Sirenen klagt“ vor.

Der erste Teil des Gesprächskonzert war Se-Lien Chuangs Uraufführung von „the giants causeway – the days fly“ (2012) für Klavierquintett gewidmet. Diese klassische Besetzung ist untypisch für die Komponistin, die sich im Bereich der elektroakustischen Musik einen Namen gemacht hat. Den Rückgriff auf den reinen Instrumentalklang sieht sie aber nicht als Begrenzung, da die unendlichen Möglichkeiten der Klangkombinationen genug Material für sie bieten. Der Titel des Stücks bezieht sich auf einen Küstenabschnitt Nordirlands, der zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört. Chuang besuchte diesen Ort und war besonders von den Basaltsäule, die der Küste eine eigenwillige Formung geben, angetan. Diese Eindrücke setzte sie zunächst in einer Klavierkomposition um. Dieses Klavierquintett ist gewissermaßen eine Fortsetzung dieser Auseinandersetzung.  Das zweisätzige Werk beschäftigt sich im ersten Teil mit der Wirkung der Landschaft und betont das Strukturelement, während der zweite Teil sich mit dem Vorgang des Erstarrens auseinandersetzt und durch viele Pausen gekennzeichnet ist. Das ganze Stück zeichnet sich über weite Strecken durch eine klangliche Kargheit aus, welche jener des Küstenabschnitts entspricht. Den ersten Satz eröffnet das Klavier mit Staccato-Einwürfen, die von den Streichern übernommen werden. Die verschiedenen Stimmen kommen mehr alternierend als zusammen zum Zug, das Material wandert von einer Stimme zur nächsten, das Horizontale wird betont. Nach einem Neuansetzen verdichtet sich allmählich der Satz, hinzu treten auch Pizzicato- und Glissandofiguren. Der zweite Satz beginnt mit einem hohen, geräuschhaften Flirren der Streicher über einem tiefen Klangteppich des Klaviers. Zunächst beherrschen lang gehaltene Töne das musikalische Geschehen, erst zögerlich bringen Glissandi ein wenig Bewegung. Dieser auskomponierte Erstarrungsprozess zeigt sich auch darin, dass die einzelnen Phasen des Satzes mit Zuständen – gleichsam Temperaturen – vergleichbar sind. Der von Pausen durchsetzte Satz beginnt immer wieder von Neuem, wobei Bewegung und Lautstärke zunehmen und wo zurückgenommene Pizzicato-Strecken lauten, dramatischen Glissandipassagen gegenüber stehen.

Im zweiten Konzertteil folgte Christian Ofenbauers Mottete „Kommt Sirenen klagt“ (1998) für Sopran, Klarinette, Violine, Hammondorgel und Klavier. Die Textvorlage stammt von Tim Staffel und thematisiert die Figur der doppelten Helena, einer Episode aus dem trojanischen Krieg. Ohne im Detail auf die Handlung einzugehen, ist der Verweis, dass Ernst Bloch diese Geschichte benutzte, wenn er über Pessimismus sprach, bezeichnend. Die Gattungsbezeichnung Motette, also mehrstimmiges Vokalwerk, mag bei nur einer Singstimme verwirrend wirken. Weil aber die Vokallinie völlig in die Instrumentallinien integriert ist und die Singstimme selbst wie ein Instrument behandelt wird, legt das Wort Motette das Gewicht auf die strenge, fast schon mathematisch präzise Mehrstimmigkeit und Architektur der Anlage. Das gesamte Werk wird bestimmt von einer verhaltenen Dynamik, die vom dreifachen Piano nicht über ein äußerst seltenes Mezzoforte hinausreicht.

Die Anweisung „senza espressivo“ verbietet jede ausladende Geste, die bewegende Geschichte wird distanziert, ohne Pathos oder subjektiver Involviertheit, erzählt. Zu dieser Haltung passt auch das fahle Klangbild, welches das Netz aus feingliedrigen Begleitfloskeln erzeugt. Statt einer emotionalen Nacherzählung erwartet den Hörer mehr ein Bericht im Telegrammstil, anstatt großer Melodiebögen wird eine fragile Musik der Andeutung serviert. Die vielen anfangs indifferent wirkenden Einzelelemente fügen sich zu einem musikalischen Fluss, der über die vier Abschnitte des Werks immer weiter einer Geräuschhaftigkeit zusteuert. Die Behandlung des Texts folgt jener des musikalischen Materials: Er wird wiederholt durch Unterbrechungen auseinander gerissen, die sprachliche Logik wird der musikalischen Struktur untergeordnet.

Das Publikum fand an beiden Werken großen Gefallen und bedachte das ensemble xx. jahrhundert und seinen Dirigenten Peter Burwik mit viel Applaus. Mustergültig einstudiert wurden die Stücke von Se-Lien Chuang und Christian Ofenbauer zur Aufführung gebracht.

Der Termin für das nächste Lauschergreifend-Konzert ist übrigens der 7. Mai 2012.

Rainer Hauptmann

Share

Schreibe einen Kommentar