Bericht: LAUSCHERGREIFEND live! #17 – Die Tribüne der KomponistInnen

Veranstaltungsreihe des ÖKB in Kooperation mit dem ensemble xx. jahrhundert, 3raum-anatomietheater (7.5.)

In einer weiteren Ausgabe von Lauschergreifend live! stellte Ursula Strubinsky (Ö1) im Gespräch mit den Komponisten und mit Peter Burwiks ensemble xx. jahrhundert Werke von Veronika Simor und Alexander Stankovski vor. So erfuhren Simors „Gedankenkreise“ am 7. Mai ihre Uraufführung im 3raum-anatomietheater, danach stand Stankovskis „Spiegel-Maske-Gesicht“ auf dem Programm.

Die aus Budapest stammende Komponistin Veronika Simor studierte sowohl Komposition als auch elektroakustische Komposition. Ihr musikalisches Denken geht eindeutig vom Klang aus, motivisch-thematische Arbeit ist für sie zweitrangig. Dieser Zugang wird auch in der Uraufführung ihres Stücks „Gedankenkreise“ für Flöte, Englischhorn, Trompete, Posaune, 2 Violinen, Viola, Violoncello, Kontrabass, Schlagzeug und Klavier deutlich. Schon bei der Konzeption des Stücks besteht zuerst eine Vorstellung vom Klang, die sie dann genauer ausgestaltet. Ein weiteres Element von „Gedankenkreise“ ist die Aleatorik, mit der sie den Musikern in eng abgesteckten Grenzen für fünf bis zehn Sekunden die Möglichkeit bietet, ihre Stimme selbst weiterzuentwickeln. In der Hörerfahrung ist der Unterschied zwischen streng ausgeschriebenen und ad hoc gestalteten Passagen kaum wahrnehmbar, da Simor auch den auskomponierten Teil in einem quasi-improvisierten Stil hält, der von den Instrumentalisten höchste Präzision abverlangt. Ihre Komposition besteht aus drei Charakteren, drei Gedanken bzw. Gemütszuständen, die eingebettet in eine musikalische Landschaft herumschweifen: Zum einen gibt es einen immer wiederkehrenden, fixen Gedanken, dann einen leisen, kaum fassbaren und noch einen vagen Nachklang, den Simor als „stehende Erinnerungswolke“ beschreibt. Ausgangspunkt und Beginn ihres Werks ist ein „Urklang“, aus dem sich allmählich weitere Klänge herausschälen und so zusätzliche Facetten in die schwebende Grundstimmung einbringen. Der erste, wiederkehrende Gedanke wird durch schroffe Streichergesten und Posaunenglissandi klar umrissen. Ihm folgt der von der Flöte geräuschhaft präsentierte leise Gedanke, der in seiner Form undifferenziert-zerfranst erscheint. Mit dem dritten Gemütszustand wandelt sich die Atmosphäre: Das Klavier liefert im tiefen Register eine düstere Grundierung für den dramatischen Abschnitt. Gegen Ende scheint sich das Stück zu verausgaben, nur um dann noch einmal neu anzusetzen, bis es sich nach und nach ausdünnt und in leisen Tönen versiegt. Die formal schwer fassbare Komposition folgt ihrer eigenen immanenten Klanglogik und weiß durch überraschende Wechsel der Klangqualitäten zu überraschen.

Nach der Pause gelangte Alexander Stankovskis „Spiegel-Maske-Gesicht“ (1998/2011) für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello, Klavier und Schlagzeug zur Aufführung. In diesem Werk „spukt es“ – so der Komponist –, der sich hier mit dem Konzept der Persönlichkeit auseinandersetzt. Stankovski meint damit, dass sich im zweiten Teil des Stücks, der von einem romantischen Zug geprägt ist, an Brahms erinnernde Akkorde finden, während sich im dritten Abschnitt erkennbar Debussys „Masques“ verstecken. Hinter „Spiegel-Maske-Gesicht“ steht die Frage: Was kommt zum Vorschein, wenn man die Maske entfernt? Geht das überhaupt? Ist das Gesicht dahinter „wahr“? Der erste Satz beschäftigt sich mit dem Spiegel und seinem Verhältnis zum Objekt, folgerichtig wählte der Komponist den Spiegelkanon als Form. Das Werk beginnt in monochromer, gleichmäßig ruhiger Bewegung, aus der sich langsam die Stimmen, soweit es die Form zulässt, emanzipieren. Völlige Freiheit erlangen sie nie, was am Konzept der Spiegelung, des In-sich-Kreisens, liegt. Klanglich ist dieser Teil merkwürdig objektiv-distanziert. Der zweite Satz beginnt mit einem Knalleffekt, hektischen Bewegungen und aufgewühlten Einsätzen, die leise verebben, bis sich die Bewegungen in Tremoli und Umspielungen verlieren. Es folgt ein schroffes Nebeneinander von Tumult und Statik. Der letzte Abschnitt hebt ab in belebter Grundstimmung und federnder, vitaler Pulsation. Der bewusst gefällig gestaltete Satz gewinnt durch seine Ausschmückungen einen zuvor im Stück nicht vorkommenden Oberflächenglanz, man könnte fast von einer Art Geschwätzigkeit sprechen, zumindest im Vergleich zum Vorangegangenen. Gegen Ende hin kommt das Stück zur Ruhe, bis sich der Komponist den performativen Mehrwert einer Konzertaufführung zu Nutze macht und die Musiker den Schluss pantomimisch „spielen“ lässt, bis diese gänzlich in ihrem Handeln „einfrieren“ – ein Einfall, der auf einer CD naturgemäß weniger Eindruck macht.

Damit komme ich zur Präsentation der CD, die auch im Zuge des Konzert vom Vizepräsidenten des ÖKB, Hannes Heher, dem Geschäftsführer von Capriccio Digital, Johannes Kernmayer, und Peter Burwik, dem Leiter des ensembles xx. jahrhundert, vorgestellt wurde. Damit die musikalischen Höchstleistungen des Ensembles und das in der Konzertreihe Lauschergreifend live! aufgeführte Repertoire weitere Hörer erreichen kann, wurde die Idee geboren, eine Auswahl von nun fünf Stücken auf CD verfügbar zu machen. Wer ein Konzert verpasst hat, neue Werke kennenlernen will oder Lust zum Nachhören verspürt, sollte auf jeden Fall einen Blick auf diese CD werfen, die in ca. zwei Wochen zu kaufen sein wird.

Rainer Hauptmann

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