Bericht: LAUSCHERGREIFEND live! #18 – Neue Musik aus NÖ

Eine Veranstaltung des Österreichischen Komponistenbundes (ÖKB) und der Interessengemeinschaft Niederösterreichische KomponistInnen (INÖK) in Kooperation mit dem ensemble xx. jahrhundert, OFF Theater Wien (17.12.2012)

Nach längerer Pause fand die nunmehr 18. Ausgabe der lauschergreifend live!-Reihe erstmals im Wiener OFF Theater statt. Ursula Strubinsky (Ö1) präsentierte mit Peter Burwik und seinem ensemble xx. jahrhundert Stücke von Hannes Raffaseder und Alexander Wagendristel. Zur Einführung beider Werke wurden auch die Komponisten auf die Bühne gebeten, die Wissenswertes zum Verständnis ihrer Musikstücke beisteuerten.

Den Beginn machte Hannes Raffaseders „… trotz allem (Zwölf für Arnold)“ (1995/2001) für Flöte, Altsaxofon, Posaune, E-Gitarre, Percussion, Marimba, Klavier, Violine, Violoncello und Kontrabass. Der Komponist selbst sieht in diesem Werk einen wichtigen Schritt in seiner kompositorischen Entwicklung, weil es den Beginn – das Opus 1 gewissermaßen – markiert. Der Titel ist sofort ersichtlich eine Referenz an Arnold Schönberg und seine Dodekaphonie. Doch ist das Stück in seiner Klanglichkeit unverkennbar stärker von jazzigen und rockigen Elementen – nicht zuletzt durch die Instrumentierung – geprägt als durch eine strenge Zwölftontechnik. Ganz im Gegenteil: Obwohl das Material auf einer Zwölftonreihe fußt, besticht Raffaseders Stück durch seine Spontaneität und Direktheit. Während der Komponist zwar zwölftönige Reihen verwendet, weicht seine Verarbeitung des Materials stark von einer strengen Reihentechnik ab. Nicht der regelmäßig zum Einsatz kommende Kontrapunkt findet sich in „… trotz allem (Zwölf für Arnold)“, sondern eine parataktische, lineare Aneinanderreihung von Gedanken. Das Kunststück des Komponisten liegt hier besonders darin, trotz der Verschiedenartigkeit der verarbeiteten Gedanken und der Originalität der Instrumentierung nicht in eine rhapsodische Beliebigkeit zu fallen , die sich darin genügt, den Hörer bloß zu überraschen. Nach dem eröffnenden Staccato-Akkord zeigt sich bald ein Merkmal des Stücks: die Verteilung des musikalischen Materials ähnlich dem durchbrochenen Stil der Wiener Klassik, was zu einer Art Echoeffekt beim Zuhören führt. Wieder zeigt sich die Dominanz des Horizontalen, dem sich folgerichtig im Verlauf des Werks rhythmisch geprägte Abschnitte anschließen. Gerne kombiniert Raffaseder die Instrumente in ungewöhnlicher Kombination, wenn etwa Geige und E-Gitarre oder Saxofon und Cello aufeinandertreffen. Wann immer der Rhythmus das musikalische Geschehen kontrolliert, gewinnt ein tänzerisch-verspieltes Element Raum, atmet das Werk einen Swing. Dass in dieser spielerischen stilistischen Auseinandersetzung eines jungen Komponisten auch ein klassischer angehauchter Teil, vorgetragen vom Klavier mit den Streichern, nicht fehlen darf, versteht sich da eigentlich von selbst. Überraschend abrupt erreicht das Stück ein überzeugendes Ende.

Gleich vorweg: „Stormy Weather“ (2008) von Alexander Wagendristel hat nicht das Geringste mit dem gleichnamigen Jazz-Standard von Harold Arlen und Ted Koehler zu tun. Das Stück für Flöte/Piccolo, Sopransaxofon, Schlagwerk, Harfe, Violine und Kontrabass ist vielmehr ein Nebenprodukt des bis jetzt noch nicht vollendeten Opernprojekts „Calibans Insel“, das auf Shakespeares letztem Werk, der „Sturm“-Romanze – „The Tempest“ – basiert. Wagendristel veränderte in seiner Bearbeitung die Gewichtung der Figuren und setzt sich in „Stormy Weather“ mit dem Luftgeist Ariel und dem Inselbesitzer Caliban auseinander. Somit bezieht das Stück seine Energie aus dem Spannungsfeld von fragilen, in die Höhe weisenden, schwer fassbaren Strukturen, die Ariel charakterisieren, und derb-brutalen Caliban nachzeichnenden Passagen. Wobei festgehalten werden muss, dass auch der Seesturm zu Beginn des Stückes keine Tonmalerei oder gar Programmmusik ist. Die Musik versteht Wagendristel nicht als deskriptives Element. Auch dieser rein instrumentalen Vorstudie merkt man die ursprüngliche Bestimmung dieser Musik für die Bühne an, ist das Stück doch „mit viel Gestik“ komponiert, wie es Dirigent Peter Burwik treffend formuliert. Gleich der Beginn des Werkes gehört der Sphäre Ariels an, der, wenig überraschend, durch eine Flötenmelodie seine musikalische Umsetzung findet. Das aggressiv-drängende Schlagwerk, das dem Hörer Caliban präsentiert, weicht einem Abschnitt, der durch Glissandi gekennzeichnet ist und in abgehakte Strukturen übergeht, die ihrerseits sich in reinem Laufwerk auflösen bis die Musik ganz ausgedünnt ist. Der starke Gegensatz der musikalischen Pole des Stücks erzwingt ausgleichende Passagen. Diese werden von einer „komponierten Unschärfe“ – wie Burwik es nennt – bestimmt. Die von Wagendristel häufig verwendete Polyrhythmik führt in „Stormy Weather“ zur Überlagerung verschiedener Strukturen, aus denen die beiden Antipoden hervorgehen und sich wieder auflösen können.

Das bestens disponierte ensemble xx. jahrhundert unter Peter Burwik überzeugte wieder mit detailverliebt einstudierten Werken, wobei auch die Spielfreude hörbar nicht zu kurz kam.

Rainer Hauptmann

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