Österreichischer Komponistenbund
 

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Österreichischer Musikrat

Lauschergreifend live #6 – 9.11.2009, 3raum-anatomietheater

Lauschergreifend live – diesen Titel trägt jene Veranstaltungsreihe des Österreichischen Komponistenbundes, in der der Vermittlung neuer Musik ein besonderer Stellenwert zukommt. Denn die Konzerte in legerem Rahmen bieten nicht nur die Möglichkeit, Werken zeitgenössischer österreichischer Komponisten auf höchster interpretatorischer Stufe zu lauschen, sondern eröffnen durch die von der spritzigen Moderatorin Mirjam Jessa geführten Gespräche mit KomponistInnen und InterpretInnen die seltene Gelegenheit, Näheres über KomponistIn, Werk und Entstehung zu erfahren. Peter Burwik, der für das Konzept dieser außergewöhnlichen Reihe verantwortlich zeichnet, leitet dafür das von ihm 1971 gegründete ensemble xx. jahrhundert, das nicht nur herausragende Interpretationen oft technisch äußerst anspruchsvoller Kompositionen liefert; sie sind außerdem dazu bereit, bei der Besprechung der Stücke einzelne Stellen herauszuspielen und so kompositorische Interessen zu verdeutlichen. Auch das Publikum ist herzlich eingeladen, sich durch das Schildern von Eindrücken oder Stellen von Fragen einzubringen.
In jenem ersten Konzert der neuen Saison wurden Werke von Gerald Resch und Reinhard Fuchs vorgestellt – zwei Komponisten, die beide u.a. bei Michael Jarrell Kompositionsunterricht nahmen, anschließend aber unterschiedliche kompositorische Wege einschlugen. Gerald Resch schloss 2000 sein Studium bei Jarrell ab und komponierte dafür „Ein Garten. Pfade, die sich verzweigen“ – eine Arbeit, mit der er in die Zukunft seines künftigen kompositorischen Weges weisen wollte und damit nicht zu viel versprach. Zu diesem Werk inspiriert hatte ihn damals das Umherschweifen in einem alten französischen Garten. Solch außermusikalischen Bezugspunkte sind bezeichnend für das Schaffen Reschs, wobei er großen Wert darauf legt, den ZuhörerInnen Anhaltspunkte, jedoch keine bestimmenden Bilder vorzugeben, um so jede/n eigene Assoziationen finden zu lassen. Gewidmet ist das Werk der Bratschistin Petra Ackermann, der man gerne dabei folgte, wie sie musikalisch auf unterschiedlichen Wegen die gleichen Plätze von verschiedenen Seiten erkundete oder auf noch unbeschrittenen Pfaden unerwartetes Neuland entdeckte. Ein stets aufrecht erhaltener Spannungsbogen und überraschende Wendungen lassen das Werk dabei zu einem spannenden Geflecht werden. Lyrische Teile, in welchen sich die Bratsche nach und nach mit den unterschiedlichen Instrumenten mischt und so differenzierte Klangfarben entstehen lässt, werden von plötzlich aufkommenden rascheren Passagen abgelöst. Doch wie in der Natur geschieht nichts grundlos, jede Bewegung scheint einen Auslöser zu haben, wodurch das Geschehen trotz seiner überraschenden Momente stets einer inneren Logik zu folgen scheint und sich so die unterschiedlichen Teile zu einem vielfältigen und doch gleichzeitig stimmigen Ganzen fügen. Interessant ist dieses Werk nicht nur für sich genommen, sondern auch in Bezug auf jüngere Arbeiten wie „Knoten“ oder „Schlieren“, in denen er diesen fruchtbaren Weg in noch prägnanterer Weise fortsetzt.
Wenn auch Reinhard Fuchs andere kompositorische Wege beschreitet, so ist doch bei „in circles“ (2005) ein ähnlicher Gedanke wie in Reschs „Garten“ zu finden: Gleiches von unterschiedlichen Seiten zu erforschen. Der mit „kreisend“ zu übersetzende Titel bezieht sich auf musikalische Zentren, um die sich das musikalische Unternehmung entwickelt. Kernstück des Werkes ist der äußerst virtuose Mittelteil. Die von den Instrumentalisten abverlangten und bestens gemeisterten spieltechnischen Fertigkeiten sind dabei nicht reiner Selbstzweck, sondern machen durch ihre rotierenden Melodielinien das nicht zwangsläufig ausgespielte Zentrum deutlich. In den Randteilen des Werkes verbinden sich die Klänge der live-gespielten Instrumente mit jenen Klangflächen des Tonbandes. Durch den Einsatz des elektronischen Materials erreicht der Komponist eine Erweiterung der Klangfarben, die durch die subtile Verwendung rätselhafte Wirkungen entfaltet: Da die elektronisch fixierten Klänge mit den gleichen spezifischen Klangspektren angereichert sind, die auch für die jeweiligen akustischen Instrumente signifikant sind, verschmelzen die elektronische und die akustische Ebene. Für die Zuhörenden hat dies teilweise zur Folge, dass sich diese einerseits so gut mischen, dass man von der Elektronik nichts zu merken scheint. Andererseits führen die elektronischen Klängen an stärker hervortretenden Stellen zu ungewöhnlichen Klangfarben, so dass sich das Gesehene nicht mehr mit dem Gehörten deckt und man sich langsam zu fragen beginnt, woher diese Klänge kommen mögen. Dieser Effekt vermag es neben den ohnehin schon interessanten Strukturen zusätzlich die Neugier zu wecken vermag. Für das Verständnis des Werkes war es ungemein hilfreich, das Werk zwei Mal am gleichen Abend, aber auch den elektronischen Part separat hören zu können – diese außergewöhnlichen Möglichkeiten bieten nicht nur für „Neueinsteiger“ des zeitgenössischen Repertoires einen unkomplizierten Zugang zu gemeinhin als „kompliziert“ konnotierter Musik; sie sind auch für „eingefleischtes“ Publikum außerordentlich aufschlussreich.

Doris Weberberger