Konzertbericht – LAUSCHERGREIFEND live! #14 am 7.11.2011

Der Österreichische Komponistenbund lud am 7.11. nun schon zum 14. Mal zur gemeinsam mit dem ensemble  xx. jahrhundert veranstalteten Konzertreihe Lauschergreifend: Wie immer  im 3raum-anatomietheater, aber diesmal moderiert von Ursula Strubinsky (Ö1). Andor Losonczys „Schattenspiel“ und Axel Seidelmanns „Skulptur I (Mobile)“ wurden dem zahlreich erschienen Publikum von den Komponisten persönlich vorgestellt.

Zunächst hatte Andor Losonczy die Gelegenheit, über sein „Schattenspiel“ aus dem Jahr 2002 für Klarinette, Streichquartett und Klavier zu sprechen. Eigentlich war das Stück für die Bühne vorgesehen, doch der vorzeitige Tod des Dramatikers Gerhard Amanshauser vereitelte das Vorhaben. Das erklärt auch, warum das Werk keinen direkten Bezug zu einer Handlung aufweist. Allein die Idee, musikalisch die Zweidimensionalität von Schatten darzustellen, verweist noch auf den ursprünglichen Plan der Pantomime. Das Stück ist streng linear gedacht und lässt sich kaum in kleingliedrige Strukturen unterteilen – die wenigen Taktstriche verschaffen  nur selten Orientierung –, was die Organisation des Materials für die Aufführung zur großen Herausforderung macht. Gleichzeitig ist gerade der richtige Ablauf so wichtig, um das charakteristische Fließen des einsätzigen Stücks erfahrbar zu machen. Kontrapunkt ist für Losonczy, der sich auch jahrelang mit Palestrina auseinandersetze, wichtig, wenngleich sich in „Schattenspiel“ keine klassisch-polyphonen Formen wie die Fuge finden. Neue Abschnitte beginnen oft mit einem fugato-artigen Einsetzen der anfangs sehr ähnlich gestalteten Stimmen, wobei dem Verlauf in der Horizontalen die Hauptbedeutung zukommt, während die Harmonik deutlich in den Hintergrund gedrängt ist. Dadurch resultiert ein Klangbild, dass sich komplett an der „Oberfläche“ abspielt und nicht auf Tiefenwirkungen abzielt, was eben jener angestrebten Zweidimensionalität entspricht. Das Werk hebt an mit einer quirlig-erregten Eröffnungsgeste, die durch, im weiteren Stückverlauf wiederholt erscheinenden, fallenden Glissando-Linien beantwortet wird. In schnellen Notenwerten, mit einem Gefühl permanenter Rastlosigkeit, strebt das Stück zielgerichtet mit drängendem Rhythmus vorwärts, wobei die Stimmen gemeinsam weiterstürmen und es im fast ständigen Laufwerk gezielte Reibungen gibt, welche durch Pizzicato-Einschübe unterbrochen werden. Auch wenn die musikalische Linie betont wird, ist „Schattenspiel“ keine Huldigung der Melodie, ist das Stück doch durch abstrakte Episoden in parataktischer Reihung aufgebaut.
Das zweite Stück, „Skulptur I (Mobile)“ für Klarinette, Violoncello, Cembalo oder präpariertes Klavier, Harfe und zwei Schlagzeuger, erlebte an diesem Abend seine Uraufführung. Axel Seidelmann geht beim Komponieren in der Regel von einem formalen Gebilde, einer Struktur aus. Bei „Skulptur I (Mobile)“ war die konkrete Form eher ein Zufallsprodukt, das sich seiner Inspiration verdankt – einer filigran gestalteten Metallskulptur, die der Komponist in Venedig gesehen hatte. Er stellte sich die Aufgabe, ein vergleichbar kühles, statisch-metallisches Musikstück zu schreiben, was besonders durch seinen silbrigen Klang auch gelungen ist. Dieser wird durch das unter anderem um Röhrenglocken erweiterte Schlagwerk erreicht. Auch dem mit Metallketten präparierten Klavier werden fremdartige Klangfarben entlockt. Das Fundament, auf dem das Stück aufgebaut ist, besteht aus einer melodischen und drei rhythmischen Reihen, deren Motive in ständiger Bewegung ein Gleichgewicht suchen. Die erste Assoziation beim Hören waren Quecksilbertropfen, da sich Seidelmanns Stück nach und nach mit dazukommenden melodischen Partikeln verdichtet. Im Gegensatz zum ersten Stück des Abends sind hier kleinste Partikel identifizierbar, die in immer neuen Verschränkungen und Kombinationen sich neu verbinden, aber doch nie einen stabilen Zustand, sondern ein Gleichgewicht durch Bewegung erreichen. Diese innere Labilität zeigt sich in immerwährenden Ausgleichstendenzen: So stehen den mächtigen Klängen der Röhrenglocken kleinste Melodieelemente in kurzer Abfolge gegenüber, das Werk pendelt zwischen schnellen und langsamen, auf- wie absteigenden Bewegungen, ebenso wie Episoden eines satten Überlagerungsklanges mit stark reduziertem Klang, polyphone mit homophonen Abschnitten kontrastiert werden. Mit seiner feingliedrigen, fragilen Textur, die einen reizvollen Gegenpol zum oft sehr körperlich-raumgreifenden Klang bildet, weiß das Werk zu überzeugen.
Die wie immer mustergültige Umsetzung der Musikstücke durch das ensemble xx. jahrhundert und seinen Dirigenten Peter Burwik wurde vom Publikum mit großem Beifall honoriert. Auch die einführenden, erhellenden wie gleichermaßen unterhaltsamen Komponistengespräche fanden wieder großen Zuspruch.

Der Termin für das nächste Lauschergreifend-Konzert steht auch fest: Bereits am 5.12. stehen Werke von Ming Wang und Ludwig Nussbichler auf dem Programm.

Rainer Hauptmann

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