Konzertbericht LAUSCHERGREIFEND live! #15 – Die Tribüne der KomponistInnen

 

Die mittlerweile 15. Ausgabe von Lauschergreifend live!, der vom Österreichischen Komponistenbund und dem ensemble  xx. jahrhundert veranstalteten Konzertreihe, fand am 5. Dezember statt, wie immer in der ungezwungenen Atmosphäre des 3raum-anatomietheaters.

Die Komponisten des Abends waren Ming Wang mit der Uraufführung ihrer „Schwebenden Fragmente II“  und Ludwig Nussbichler, dessen „Schattenspiele IV – jeu de mime“ zu hören war.

Den Auftakt machte Ming Wang, die – wie bei Lauschergreifend üblich – im unterhaltsamen und zugleich informativen Gespräch mit Mirjam Jessa (Ö1), Einblicke in die Hintergründe ihres Werkes gab. Ihre „Schwebenden Fragmente II“ für Flöte, Klarinette, Horn, Schlagwerk, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass bestehen aus fünf Teilen, die in sich wiederum mehrere Stadien durchleben. Sind anfangs die Grenzen der einzelnen Abschnitte, die jeweils um einen zentralen Ton angelegt sind, klar erkennbar, wird es später im Stück immer schwieriger diese Abgrenzungen eindeutig zu ziehen. Auch wenn die Komponistin selbst dieses Werk als für sie untypisch bezeichnet, lassen sich doch wiederkehrende Vorlieben erkennen, was man an der Behandlung der Streicher und der Klarinette erkennt. Für die Klanglichkeit des Stücks charakteristisch ist zum einen das Flageolett bei den Streichern und zum anderen der häufige Tremolo-Einsatz. Der Klarinette wird auch „Multiphonie“ abverlangt: Dabei werden durch Überblasen gezielt Cluster erzeugt. Das Stück hebt langsam an mit gespenstisch-angespannten Pianissimo-Akkorden. Diese dunkle, bedrohliche Stimmung wird jäh unterbrochen von einer lauten, hastigen Episode, die schrill, besonders den Kontrast von hohem und tiefem Register betonend, einsetzt und von einem Klarinettensolo beendet wird, welches das Werk wieder in die Anfangsstimmung zurückführt. Im weiteren Verlauf wechseln sich die bedrückend-introvertierten mit den exaltiert-schrillen Phasen ab. Das ganze Stück wird von einem wellenartigen Anschwellen geprägt, bis sich vor dem Ende ein martialischer Abschnitt durchsetzt und das nachdenklich Flötensolo kurz zuvor fast vergessen lässt, bis es, ganz unerwartet, zu einer ganz behutsamen, aber intensiver werdenden Aufhellung kommt. Dieser Moment, kurz vor dem überraschend versöhnlichen Ende, ist gewiss der stärkste Einfall des Stücks.

Auch das zweite Werk, das an diesem Abend präsentiert wurde, ist in einer ähnlichen Stimmungswelt angesiedelt: Die „Schattenspiele IV – jeu de mime“ für Flöte, Oboe, zwei Klarinetten, Schlagwerk, Klavier und Streichquartett von Ludwig Nussbichler sind Teil eines Zyklus‘, der sich mit musikalischen Mitteln an verschiedenen anderen Kunstformen abarbeitet. Im aufgeführten vierten Teil ist die Pantomime der Ausgangspunkt. Der Kindheitserinnerung an die scheinbar körperlos im Raum schwebenden weißen Hände und den Kopf des Künstlers trägt das Musikstück Rechnung, indem auf mit dem Kontrabass gleichsam auch auf ein klangliches Fundament verzichtet wird. Das Gestische, der emotionale Gehalt der Bewegung, steht hier im Vordergrund. Nussbichler paart hier Sentimentalität mit Disziplin oder bedient sich, wie er es nennt, einer „strengen Sinnlichkeit“. Damit meint er die Kombination einer an der französischen Musik orientierten Klanglichkeit mit der Strenge reiner Technik. Eine Gemeinsamkeit mit dem zuvor gespielten Stück liegt im Gebrauch der Tremoli, wenngleich die dahinterliegende Absichten sich unterscheiden dürften. Während Ming Wang im Tremolo eine neue klangliche Note in das Stück einbringt, scheinen die Tremoli bei Nussbichler durch ihr Umspielen bestimmter Töne eine Tonalität zu konstituieren. Auch die „Schattenspiele IV“ eröffnen mit lang gedehnten Klängen in einem ruhigen Zeitmaß. Sich anfangs akkordisch präsentierend wechselt das Stück durch subtile Veränderungen in ein feines melodisches Netz, wobei Violoncello und Geige damit beginnen. Von da an wird das musikalische Geschehen von einem melodischen Fließen bestimmt, in dem man gewisse Gestalten und ihre Gesten erkennen kann, die sich aus diesem Fluss erheben. Am ehesten lässt der vorherrschende satte, mit viel Vibrato ausgestattete Klang an Sentimentalität denken. Das musikalische Material selbst ist nahezu frei davon, was dem Stück in sich einen reizvollen Kontrast verleiht. Während es sich entwickelt, kommt es zu einer Beschleunigung und das Melodiengeflecht wird immer reicher. Dieser Prozess wird abrupt unterbrochen – nirgends sonst im Stück ist das Gestische greifbarer als an dieser Stelle, wo es fast roh erscheint und in einem dramatischen Kulminationspunkt mit üppiger Klanglichkeit endet.

Das zahlreich erschienene Publikum spendete beiden Werken kräftigen Applaus. Die genaue Einstudierung und sensible Umsetzung der Werke durch das ensemble xx. jahrhundert unter der Leitung von Peter Burwik verdient an dieser Stelle wieder höchstes Anerkennung. Die nächste Gelegenheit, sich von den Vorzügen des Ensembles im Rahmen der Lausch­ergreifend-Reihe zu überzeugen, ist am 5. März 2012.                               

Rainer Hauptmann

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