LAUSCHERGREIFEND live! #13 – Die Tribüne der KomponistInnen

Veranstaltungsreihe des ÖKB in Kooperation mit dem ensemble xx. jahrhundert, 3raum-anatomietheater (6.6.)

Der Österreichische Komponistenbund veranstaltete nun zum 13. Mal gemeinsam mit dem ensemble xx. jahrhundert einen Abend der Konzertreihe „Lauschergreifend“, wo diesmal Werke von Veronika Simor und Paul Walter Fürst dem Publikum vorgestellt wurden.
Die Programmierung des Konzerts lebt wie immer von der Verschiedenartigkeit der im 3raum-anatomietheater aufgeführten Werke, die Mirjam Jessa (Ö1) gemeinsam mit den Komponisten im lockeren Gespräch vorstellt und so als Hör- und Verständnishilfe für das Publikum das Augenmerk auf die Besonderheiten der Schöpfungen richtet.

Das erste Stück des Abends war Veronika Simors „All – ein“ für Streichquintett, Klavier und Tonband, in dem sie sich auf sehr persönliche Weise mit dem Verlust ihres Vaters („All[es] [ist] Ein[samkeit]“) kompositorisch auseinandersetzt, ohne sich in kitschigen Sentimentalitäten zu verlieren. Ihr Werk zeichnet vielmehr feinsinnig emotionale Prozesse nach, die sich wellenartig weiterentwickeln, von Trauer über Frust zu Nicht-wahr-haben-wollen und dem Gefühl der Ohnmacht. Bei der Komposition hatte Simor zuerst die Dramaturgie, den großen Bogen als konkrete Vorstellung vor Augen, die beim Ausarbeiten in eine musikalische Form gebracht wurde. Eine Besonderheit ihrer Kompositionstechnik liegt in der Verwendung der Timeline, einer Notation, die den Musikern das Material zwar für jeden Takt vorgibt, ihnen aber gewisse Freiheiten in der zeitlichen Gestaltung bietet, soweit es die komplexe Rhythmik gestattet. Das Tonband, welches unter anderem verzerrte Zitate ungarischer Volksmusik und des „Erbarme dich“ aus Bachs „Matthäuspassion“, weißes Rauschen, Klavier- und Streicherklänge sowie Schreie und Stammellaute – als Symbol für die Sprachlosigkeit – wiedergibt, wird in Simors Stück als gleichberechtigter Partner der Instrumente eingesetzt. Oft kommt es sogar zu einem Verschmelzen von Tonband und Livemusik. Schon das einleitende Tonband-Solo macht eine Beklemmung spürbar, wenn in dichter, assoziationsreicher Überlagerung Schreie, Rauschen und sphärische Klänge fast automatisch beim Hörer Bilder evozieren und man ergriffen ist, wenn die Instrumente in einem raffiniert angelegten Übergang erstmals live erklingen. Die Klaviersaiten werden auch direkt mit den Händen angespielt, was zu den meist sehr fein gesponnen Klängen eine subtile Note hinzufügt, während an anderen Stellen mächtige Cluster dem Instrument glockenhafte Effekte entlocken. Die Streicher verfolgen meist weite, fast sprechende Bögen, und spielen oft Figuren in sehr hoher Lage, wo der Klang etwas Geräuschhaftes, Rohes gewinnt.

Das zweite Stück, „Nichts als Theater“ op.122 für Ensemble von Paul Walter Fürst, das nach der Pause seine Uraufführung erlebte, versteht sich sowohl als ironische Auseinandersetzung mit dem Konzert- und Theaterbetrieb als auch als Fingerzeig, dass man selbst nicht alles so ernst nehmen soll. So verwundert es nicht, dass das Hauptaugenmerk auf einprägsamen Melodien und den Instrumenten liegt, die mit feinem Humor – einem Wesenszug von Fürst, den er auch im Gespräch ständig durchblitzen lässt – auch sich selbst hinterfragen müssen. Das Werk wurde auf Anregung von Peter Burwik komponiert. Über die Besetzung herrschte bald Einigkeit, nur nicht über die Aufführungsdauer: Ursprünglich bestand die Komposition, die in bloß einem Monat geschrieben wurde, nur aus der einleitenden Polonaesea. Ein Vorbild für die Konzeption dieses Werks war auch Heinrich Ignaz Bibers „Sonata violino solo representativa“ , die mit parodistischen Tierstimmenimitationen gespickt ist. Dieses Prinzip, das So-tun-als-ob, ist eine Säule von Fürsts Stück, was sich bereits im ersten Teil von „Nichts als Theater“, der Polonaesea, zeigt, die genau genommen eine verhinderte ist. Da der Komponist diese Form besonders furchtbar findet, wurde es eigentlich eine Ouvertüre, die trotz der Mahnungen des Klaviers, nicht zu einer Polonaise werden will. Stattdessen werden wiederholt kurze Anläufe dazu unternommen, die aber von überraschenden Solo-Einschüben unterbrochen werden. Der zweite Abschnitt, die Bühne, besteht aus einer Abfolge von Archetypen des Theaters, dazu gehören die Naive, der Buffo, die Alte (mit Mozartzitat aus dem „Figaro“), der Statist und die Prima Ballerina. Oft werden in dieser Parade marschartige Elemente als Kompositionsvehikel verwendet, die dem ganzen Stück einen humorigen Revuecharakter verpassen. Besonders einprägsame rhythmische Passagen werden unisono präsentiert, Fürst schreckt bei seiner Paraphrase auf das Theater nicht vor dem Plakativem zurück, sondern sieht darin gerade einen charakteristischen Zug. Nachdem die einzelnen Protagonisten und ihr in immer lichtere Höhen gerichtetes Treiben vorgestellt wurden, kehrt zum Schluss wieder Realität ein und die Beteiligten landen wieder unsanft auf dem Boden der Tatsachen.

Das treue Stammpublikum schenkte Simors sehr persönlich gefärbtem Stück „All – ein“ und Fürsts komödiantischem „Nichts als Theater“ sehr viel Applaus, was besonders auch an der sorgfältigen und kundigen Einstudierung durch Dirigent Peter Burwik und der einfühlsamen und zugleich mitreißenden Aufführung des ensembles xx. jahrhundert lag.

Nach der Sommerpause folgt die 14. Ausgabe von „Lauschergreifend live!“ am 7. November.

Rainer Hauptmann

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