Tage der österreichischen zeitgenössischen Musik in Sofia

Kammerkonzert „Zeitgenössische österreichische Kompositionen“ und Konferenz „Interkulturelle Kontexte – zeitgenössische Komponisten aus Österreich und Bulgarien“

Am 7. und 8. November 2011 veranstaltete der Österreichische Komponistenbund in Kooperation mit dem Verband Bulgarischer Komponisten ein Konzert mit Neuer Musik aus Österreich sowie eine wissenschaftliche Konferenz über österreichische und bulgarische Musik und interkulturelle Beziehungen zwischen beiden Ländern.

Das Projekt geht auf eine Initiative von Dr. Albena Naydenova und Wladimir Pantchev zurück, die als in Österreich lebende Künstler/Wissenschafler mit bulgarischen Wurzeln Multi- und Interkulturalität leben und in Ihrer Arbeit reflektieren.

Am 7. November präsentierte das Ensemble Musica Nova unter der Leitung von Dragomir Josifov ein abwechslungsreiches und repräsentatives Programm österreichischen Musikschaffens. Das zahlreich erschienene interessierte Publikum – darunter auch der stellvertretende österreichische Botschafter in Sofia Wolfgang Kutschera ‒ erlebte im Saal des Verbands Bulgarischer Komponisten Kammermusikwerke von Alexander Wagendristel, Johannes Kretz, Friedrich Cerha, Klaus Ager und Roland Freisitzer.

In Aperto op.110 setzt sich Wagendristel mit der Wiener Tradition von Mozart bis Schönberg auseinander, spart nicht mit zahlreichen „Anklängen, Zitaten und Hommagen“, die er – mit wenigen Ausnahmen immer ‒  in seine „eigene Tonsprache übersetzt“ (A. Wagendristel). Klaus Agers Breccia IV entstand auf Grundlage der Auftragskomposition Breccia, die sich auf das Bild „spazi comunicanti“ des römischen Malers A. Breccia bezieht. Die neue Fassung Breccia IV bildet „in vielen Bereichen durchaus auch einen Gegensatz zu den klaren Konturen und Figuren des Werks Breccias“, geht  „in manchen Bereichen aber sehr wohl von der Gestaltung der Bilder“ (K. Ager) aus. Roland Freisitzers 5th Study on planes „ist ein Werk, welches mit verschiedenen rhythmischen Mustern, (teilweise hinkenden) Wiederholungen, Virtuosität und einer fast parlando-ähnlichen Rhetorik spielt“ (R. Freisitzer). Das Ensemble Musica Nova spielte die in Idee, Anlage und Aus-druck sehr unterschiedlichen Werke einfühlsam adäquat: der klanglich feinsinnigen Interpretation von Breccia IV stand die spürbare Spielfreude der 5th Study on planes gegenüber.

Besondere Virtuosität und Freude an Bewegung konnte der Klarinettist des Ensembles ‒ Rossen Idealov – in Dancing von Johannes Kretz unter Beweis stellen. Entscheidend für die Konzeption des Werkes ist jedoch weniger die physische Bewegung, als vielmehr die „Bewegung der Töne und deren geistige Entsprechung – die schnelle Bewegung von Gedanken“, deren Muster „großteils durch Programmiertechniken der artificial intelligence gewonnen“ (J. Kretz) wurden. Zur Mitte des vielfältigen Programms interpretierten Albena Naydenova und Wladimir Pantschev mit bewegender Schlichtheit Friedrich Cerhas frühes Ein Buch von der Minne, in denen der Komponist mittelalterliche Texte im minimalistischen „Auskosten und Ausspielen ganz kleiner Veränderungen in einem klaren, knappen Rahmen“ (F. Cerha) vertont.

Auf das stimmungsvolle Konzert folgte am 8. November eine wissenschaftliche Konferenz, die sich mit österreichischer und bulgarischer Musik beschäftigte. Albena Naydenova vertiefte in Ihrem Vortrag die Auseinandersetzung mit Friedrich Cerhas Buch von der Minne, indem sie  den historischen Bezügen der Texte nachspürte, sowie die außergewöhnliche Stellung und Faktur des Werkes in den Kontext von Cerhas Schaffen setzte. Katharina Bleier referierte über experimentelle Klaviermusik aus Österreich im jeweiligen ästhetischen Kontext. Angelina Petrova setzte sich mit Wladimir Pantchevs „Lieder meiner Vorfahren“ aus-einander, die paradigmatisch für das Konferenzthema „Interkulturalität“ zwischen Österreich und Bulgarien / Wien und Sofia stehen. Zahlreiche weitere Beiträge widmeten sich unterschiedlichen Aspekten des Themas, nicht zuletzt äußerte Elisaveta Valchinova-Chendova in Ihrer Analyse des Projekts „Sofia-Wien / Wien Sofia“ den Appell, die fruchtbaren Beziehungen zwischen österreichischem und bulgarischem Musikschaffen zu intensivieren und musikwissenschaftliche Vernetzungen zu pflegen.

MMag. Katharina Bleier

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